Am 10. Februar 2026, dem Safer Internet Day, trafen sich im Kinderdorf Pestalozzi über 50 Personen aus zehn Kantonen der Schweiz sowie aus drei Ländern. 19 davon befanden sich in einem digitalen Raum und verfolgten das Geschehen somit aus der Ferne. Das Geschehen? Die Fachtagung von digitalstreetwork.ch und der OST Ostschweizer Fachhochschule zu digitaler Jugendarbeit in der Extremismusprävention.
Wie gelingt Extremismusprävention im digitalen Raum? Und welche Rolle spielt dabei die aufsuchende digitale Jugendarbeit? Mit diesen Fragen setzten sich am 10. Februar 2026, dem internationalen Safer Internet Day, Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit, der Extremismusprävention sowie weiteren Akteur*innen aus dem interdisziplinären Feld auseinander. Ziel der Fachtagung, einem Kooperationsprojekt von digitalstreetwork.ch und der OST, war es, zentrale Begriffe und Konzepte zu klären, Einblicke in aktuelle Erkenntnisse zu geben sowie Erfahrungen und Herausforderungen aus der Praxis zu teilen. «Die Fachtagung soll neue Vernetzungsmöglichkeiten schaffen und den fachlichen Austausch in einem Arbeitsfeld fördern, das zunehmend an Bedeutung gewinnt», wie Nam-mi, Projektleitung digitalstreetwork.ch und Co-Gastgeberin der Fachtagung, betont.
29 Teilnehmende besuchten die Fachtagung vor Ort im Kinderdorf Pestalozzi, 21 verfolgten sie via Stream – aus insgesamt zehn Kantonen und drei Ländern (Schweiz, Deutschland und Liechtenstein). Vertreter*innen von Stadtbehörden, der Polizei, der offenen Jugend- und Fanarbeit, aus Bildungsinstitutionen sowie von Beratungsstellen standen auf der Liste der Teilnehmenden.
Gesamtgesellschaftliche Verantwortung
Andrea Thoma, die zweite Co-Gastgeberin und Dozentin an der OST, startete die Fachtagung mit einem begrifflichen Ordnungsversuch. Dabei wurde deutlich, dass digitale, analoge und soziale Räume nicht getrennt voneinander gedacht werden können. Virtuelle Räume sind keine Gegenwelt zur Realität, sondern werden – wie analoge Sozialräume – durch das Handeln von Menschen hergestellt und geprägt. Für die (digitale) Jugendarbeit bedeute dies, dass Fachpersonen diese Räume nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten und sich darin bewegen müssen.
Prof. Dr. Jens Ostwaldt von der IU Internationalen Hochschule schaltete sich aus Berlin zur Fachtagung zu und rückte die Extremismusprävention in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang. Radikalisierung in digitalen Räumen entsteht schrittweise, ist beeinflussbar und eröffnet so Möglichkeiten für Prävention, Beziehungsarbeit und Intervention. Dabei beginnt Prävention im Internet bereits früh, etwa durch Interaktion mit User*innen in Kommentarspalten, in Foren oder in Live-Streams.
Mit der wiederkehrenden Leitfrage «Haben wir alles schon?!» stellte Ostwaldt zur Diskussion, ob die digitale Extremismusprävention tatsächlich grundlegend neue Konzepte erfordere oder vielmehr bewährte Ansätze der Sozialen Arbeit in veränderten Räumen zur Anwendung bringe. Wichtig sei laut Ostwaldt, Extremismusprävention nicht als isolierte Intervention bei einzelnen Personen zu verstehen, sondern als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die analoge und digitale Sozialräume gleichermassen betrifft.
Realitäten sichtbar machen
Mit digitalstreetwork.ch wurde an der Fachtagung ein noch junges Modellprojekt vorgestellt, das die zuvor skizzierten Überlegungen in die Praxis umsetzt. Seit September 2025 arbeitet ein Team des Kinderdorfs Pestalozzi daran, junge Menschen direkt in ihren digitalisierten Lebenswelten zu erreichen. Ziel sei es laut Digital Streetworker Julian, Radikalisierungsprozesse frühzeitig zu erkennen, psychosoziale Ressourcen zu stärken und Brücken zu bestehenden Hilfesysteme zu bauen. Die Digital Streetworker*innen sind in digitalen Räumen präsent, in denen radikale Inhalte zirkulieren, bieten Gespräche an, ordnen problematische Sichtweisen ein und unterstützen junge Menschen bei Identitäts- oder Zugehörigkeitsfragen. Daraus wurde deutlich, wie die zuvor diskutierten sozialarbeiterischen Ansätze – Beziehungsarbeit, Stabilisierung und Vernetzung – im digitalen Raum konkret umgesetzt werden und zugleich neue Herausforderungen in Bezug auf Reichweite, Verbindlichkeit und Anonymität mit sich bringen.
In der abschliessenden Podiumsdiskussion und in interaktiven Workshops erhielten die Anwesenden die Gelegenheit, mit anderen Fachpersonen in den Austausch zu treten, Fragen offen zu diskutieren und in dem noch jungen Arbeitsfeld gemeinsame, richtungsweisende Perspektiven zu entwickeln.
Die Fachtagung ist ein erstes Zeichen im Sinne der interdisziplinären Vernetzung von Jugendarbeit, Extremismusprävention und Digitalisierung. Mit dem Ziel, dass Fachpersonen im digitalen Raum eine unterstützende Rolle einnehmen und mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass junge Menschen auch online Unterstützung erhalten und sich so sicherer und geschützter im in den weitläufigen Räumen des Internets bewegen können.
Mit finanzieller Unterstützung des Bundes im Rahmen des Kinder- und Jugendförderungsgesetzes (KJFG).